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Leben und Karriere: wo es hapert

Warum machen wir uns eigentlich heute so viel Gedanken über "Job und Leben?" Um dies herauszufinden, müssen wir uns dies vergegenwärtigen:

1. In den 1950er Jahren waren Frauen stolz darauf, nicht „mitarbeiten“ zu müssen. Sie lernten zwar damals einen Beruf, gaben diesen dann aber zumeist nach einigen Ehejahren auf. Daraus entstand eine Rollenverteilung: Broterwerb auf der einen, Häuslichkeit auf der anderen Seite.
2. Heute sind Frauen stolz darauf, gute Ausbildungen zu haben, im Beruf etwas zu leisten und damit erheblich zum Wohlstand der Familie und zur eigenen Zufriedenheit beizutragen – allerdings zulasten der Familie.
3. Die Konstellation „zwei Erwerbstätige“ gab es allerdings auch schon in den 1950er Jahren und zuvor – und die Lösung hieß damals, Personal zu beschäftigen.
4. Bei den meisten Paaren reicht aber das durch zwei Personnen erzielte Netto-Einkommen nicht, um Personal zu beschäftigen – nicht einmal in Teilzeit. Außerdem lehnen viele Paare die Beschäftigung von Personal ab, das es ihr Einkommen schmälert.
5. Der Staat griff viel zu spät ein, um dies Problem durch Hort- oder Kita-Plätze zu lösen. Noch heute gibt es (zum Beispiel in Bayern) einen ideologischen Widerstand gegen Kinder-Tagesbetreuung.

Merkwürdiges Kulturphänomen: Keine Zeit mehr haben

Hinzu kommt ein Kulturphänomen, nämlich „keine Zeit zu haben“. Schon Grundschulkinder, spätestens aber Gymnasiasten werden Leistungsdruck konfrontiert – sie müssen also viel Zeit aufwenden, um ihre Leistungen zu verbessern und verlieren dadurch die Zeit, kreativen Beschäftigungen nachzugehen. Selbstverständlich spielen auch die „Zeitdiebe“, also Medien, Glitzerwelt, Computerspiele und dergleichen eine Rolle, um die kreativ genutzte Freizeit auf wenige Stunden am Tag einzuschränken.

Haben wir wirklich keine Zeit? Benötigen wir eine Work-Life-Balance, wir das Modewort heißt?

Work-Life-Balance - ein Modewort, das uns verdummen soll?

Manche Autorinnen und Autoren behaupten, das Wort selber sei der Fluch der neuen Zeit. Möglicherweise haben sie recht. Rein wissenschaftlich betrachtet. Könnte man dies so ausdrücken:

Man kann ein dynamisches System nicht dadurch statisch machen, dass man ihm neue, fremde Regeln gibt, denn Systeme regulieren sich weitgehend selbst durch permanente, minimale Eingriffe. Jeder größere Eingriff kann (und wird wahrscheinlich) Störungen nach sich ziehen.

Eltern-Bonus am Arbeitsplatz zu Lasten aller?

Wenn man (wie beispielsweise hier beschrieben) die Arbeitszeiten für Eltern auf 80 Prozent reduziert, oder auch, wie anderwärts vorgeschlagen, auf 35 Stunden, hat man vorläufig nur eine Arbeitszeitverkürzung, aber keine bessere Balance zwischen Arbeit und Freizeit. Sie entsteht für Familien überhaupt nur dann, wenn alle Arbeits- und Freizeitaktivitäten sämtlicher Familienmitglieder synchronisiert werden können. Wer das mit einer 40-Stunden-Woche konnte, kann es mit einer 35-Stundne-Woche möglicherweise besser – aber wer es mit einer 40-Stunden-Woche nicht konnte, hat kaum eine Chance, die verbleibenden fünf oder 3,5 Stunden Stunden nunmehr sinnvoller zu nutzen. Viel sinnvoller wäre, noch mehr Heimarbeitsplätze einzurichten – denn dabei entfällt der Zeitkiller und Stressfaktor Arbeitsweg.

Viel Licht fällt dabei auf politischen Opportunismus, etwa, wenn die Familienministerin eine 32-Stunden-Woche für Eltern fordert, und der Lohnausgleich „teilweise aus Steuergeldern“ finanziert werden soll. Das bedeutet letztendlich: Singles müssen länger arbeiten, noch dazu die Arbeit der abwesenden Eltern bewältigen, und sie werden am Ende noch steuerlich geschröpft? Ist das die viel gepriesene „soziale Gerechtigkeit“?

Work-Life-Balance - Wortmissbrauch aus Politiker- und Lobbymund

Das Wort „Work-Life-Balance“ wird also missbraucht, um eine neue, geheime Familienförderung herbeizureden, deren Ziele völlig unklar sind und deren Sinn nicht beweisen werden kann. Dabei wird bewusst eine abstrakte Formulierung verwendet, um die wahren Absichten zu verschleiern. Tatsächlich ist das Wort in den späten 1970er Jahren nach Europa gekommen, wurde bare zunächst kaum gebraucht. Zwischen 1986 und 2006, also in 20 Jahren, hat sich sein Gebrauch vervierzigfacht, und heute ergeht es ihm wie all diesen lächerlichen Modewörtern: Es kann alles und nicht bedeuten. Unternehmen benutzen es, um dringend benötigte Arbeitskräfte zu rekrutieren, Sozialwissenschaftler werfen damit um sich, als hätte das Wort einen Sinn. Nur Frau und Herr Jedermann, die davon betroffen sind, müssen sich den Weg durch zwei nicht synchronisierbare Arbeitsplätze, fehlende Kitas und nicht vorhandenes Personal mühsam erkämpfen.

Stress mit sich selbst und Stress mit der Familie vermeiden

Richtig ist: Es kann zwischen Arbeit und Freizeit (oder Arbeit und Familie) Probleme geben, die durch Stressfaktoren entstehen. Wenn die Firmen verständnisvoll sind, die Mitarbeiter ihre Stundenkontingente selbst sinnvoll verwalten können und die inneren Bedingungen der Familie ausbalanciert werden, dann haben Sie eine Work-Life-Balance.

In einem jüngst erschienenen Buch (1) wird klar: Es gibt sie nicht, die regulierte Work-Life-Balance. Nur der Laie glaubt, Balance sei etwas Statisches, während jeder Biologe weiß, dass Balance das Ergebnis eines dynamischen Prozesses ist.

Kein Seiltanz, um die Balance zu halten

Die Frage ist nicht, ob sie aus der Balance kommen – die Frage ist, „ist die Zeit, die sie nicht ausbalanciert leben, kurz oder lang?“


Im Folgenden rät der Autor, stets selbst auf die Balance zu achten und Zeiten kurz zu halten, in denen Sie dies nicht bewerkstelligen können. Und ich gebe Ihnen noch einen Rat, der nicht im Buch steht:

Wenn Sie wissen, was Sie tun und wie Sie es tun, dann verzichten Sie ganz auf das Ausbalancieren. Es ist so, als ob sie als untrainierter Mensch auf einem Seil „tanzen“ wollen, und weil Sie untrainiert sind, ist es nichts als sinnloser Stress. Tun sie satt dessen das, was nötig ist, jenseits des Seils. Und balancieren Sie erst wieder, wenn sie auf sicherem Boden stehen. So hat es ihre Psyche gerne, das verspreche ich Ihnen.

(1) The One Thing, London 2013.

Hinweis: Teile dieses Artikel wurden in eigenen und fremden Publikationen zitiert.
Kategorien: lebensrat | 0 Kommentare
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